PERFEKT, DRUNTER MACHT ER ES NICHT

Erstellt von RISER am 12. September 2015 in Beiträge
Es ist heiß, sehr heiß, es ist mittags, die Sonne brennt sich über uns aus. Eine Harley, zwei Kerle, weiße T-Shirts und Jeans, unter uns glimmt die Straße, irgendwo in Kärnten. Gute Zeit. Auf dem Weg zu David Widmann, dem Chef von National Custom Tech, passieren wir Dörfer, Höfe und Kinder schauen uns nach. Die Geraden pressen uns zurück, die Kurven legen sich unter uns. Am Schluss biegen wir ab, Schotterstraße, die Federn drücken, Staub bleibt hinter uns.

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Es sind eigene Motorräder, entstanden in den 1960er Jahren, weil die junge Subkultur vom Ace Cafe, einer Raststätte nördlich von London, bis zum nahegelegenen Kreisverkehr Rennen veranstaltet hat. Du musstest zurück sein, bevor die ausgewählte Single in der Jukebox fertig gespielt war. Ja, Imponiergehabe, aber warum denn bitte nicht? Dafür haben sie geschraubt, abmontiert, am liebsten die Verkleidung, weil die gleich das meiste Gewicht hergibt. Die Motorräder sollten nackt sein, die Kraft sichtbar werden, Rebellion, gegen den Konservativismus der damaligen Zeit, fuck the Establishment. Ein neuer Look war kreiert, ein Lifestyle geboren – Cafe Racer.

Wir sind da. Grüne Wiese, gelbe Werkstatt. An die Wände sind alte Metallplaketten genagelt, vor dem Tor hängt ein Grillrost über der Asche von gestern, zwei Campingstühle stehen halb im Schatten. Das Tor schiebt sich nach oben, lässt die ersten zwei Bikes im Halbdunkel hervorstechen und um die Ecke biegt mit blauer Schlosserhose und ausgewaschenem Shirt David. Ruhiger Blick, kein Lächeln, die Haare nach hinten gegelt, Handschlag eins, Handschlag zwei, wir sind per Du, guter Einstand.

Er redet nicht viel, er schraubt lieber, das spüren wir. Diese Firma hat er erst seit einigen Monaten, aber Arbeit bereits für ein volles Jahr. Er hat noch zwei weitere Firmen, die erste 2012 gegründet, er fabriziert Eisstöcke, ist Marktführer in Österreich damit, einen Autohandel hat er auch, er ist 25. „Du musst etwas riskieren! Wenn du alles 100-prozentig durchrechnest, traust du dich nie!“ Letztens ist er zum ersten Mal bei einer Hobby-Ducati-Rennserie mitgefahren: dritter Platz. Ja, der macht, der redet nicht nur rum.

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Stummellenker sind gut, tief geduckt muss sie sein, die Maschin’, die Schalldämpfer sollen strahlen, frisieren ist Pflicht. Normal sind sie als Zweisitzer gebaut, die besonders geilen Dinger aber haben nur einen Sitz. Abnickende Zustimmung. Circa 70 Stunden braucht David, um ein Bike so neu auferstehen zu lassen. Er schweißt, verchromt, bohrt und hämmert selbst. Die Ledersitze und die Lackierungen lässt er in der Umgebung anfertigen. Beim Lackieren ist es wegen der behördlichen Auflagen zur Zeit nicht möglich, sodass er es vergibt, beim Leder, „weil ich einfach kein Näher bin und das würd’ schlicht nicht so gut aussehen.“ Qualität will er, und wenn der Student nur ein beschränktes Budget für seine Honda hat, macht er es trotzdem für ihn, dann halt low budget, aber in sich perfekt muss es sein, drunter macht er es nicht.

In der Werkstatt stehen drei fertige Modelle: zwei BMWs, grüner Tank, silberner, abgefräst, Nebelhörner, die Blinker fast unsichtbar, die Scheinwerfer, rund, schwarz, so muss es sein. Die dritte: eine gelbe Ducati 996, Karbonrahmen, Karbonfelgen, die sparen nochmal 5 Kilo, eigens produziertes Heck, macht 125 PS auf 170 Kilo. Was sagen wir? Geil! Er greift zum Startknopf, wir schauen uns an, er drückt, röhrender, uns durchdringender Sound, wir lächeln, wir können nicht anders. Er dreht am Gas, nein, er hat nur einen minimalen Zucker gemacht, ohrenbetäubend, Gänsehautmoment. Wir können gerade keine Worte mehr, nur noch Laute kommen raus.

Daneben sind zwei weitere aufgebockt, skelettös, die Kabel hängen raus, der Motor ist mit einem Tuch abgedeckt, die Batterien wurden gerade erst von seinem Chefmechaniker, Kurti Kosjek, eingebaut. „Da gibt es welche, die sind so klein, dass du sie gar nicht als Batterie erkennst, sucht mal!“ Er hat recht, wir finden sie nicht, er muss sie uns zeigen, ein Kasten, so groß wie ein dickes Taschenbuch, unter dem Sattel montiert, stark.

Gelernt hat David eigentlich Produktionstechniker, dann eine Schlosserlehre im elterlichen Betrieb. Sein Vater ist auch ein Motorradfreak, ihre Lieblingsroute, wenn sie Zeit finden, „über den Seebergsattel, den Scheidersattel, den Loiblpass, den Vrsicpass hinten runter.“ Wenn sie das machen, fahren sie um sechs Uhr los und kommen erst zu Sonnenuntergang wieder zurück, klar. Er lächelt jetzt. Müde? Nein! Er lächelt breiter. Es gefällt ihm, dass er erzählen und herzeigen kann, dass wir zuhören, wie staunende, begeisterte Schuljungen. Durst? Wasser, bitte. Wegen der Hitze? Ja, leider. „Bring ich euch!“

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Im Lagerraum stehen noch acht unbearbeitete Räder, falls Kunden kommen, die selber keine haben, „dann können sie sich eine aussuchen.“ Muss auch sein. Die, auf die er sich am meisten freut, sein nächstes Vorzeigeprojekt, ist eine Gold Wing, echt jetzt. Momentan steht sie noch knallrot da, fett, Lichter, alles schwer, er dreht den Radio auf, die Lautsprecher funktionieren. „Brauch ich nicht.“ Bald nimmt er sie auseinander, „keine Ahnung, wie das mit dem, was drunter ist, werden wird.“

Er macht sich nie Vorskizzen, er hat seine Vorstellung im Kopf, in dem Moment, in dem er eine Maschine sieht. Die konkreteren Ideen kommen ihm beim Zerlegen und wenn sie dann da liegt, dann ist es ihm klar. Wieso er das kann, dass dann alles wieder richtig zusammengeht, wo er es doch nicht gelernt hat? „Ich hab immer schon gemacht, so halt, zuerst musst du aber wissen, was du kannst, ohne geht es auch nicht, und dann, dann musst du dir den Rest selber dazu lernen.“ Klingt einfach, aber was er macht, ist mehr als einfach, jedes Bike ist ein Unikat. „Gibst du mir zweimal das gleiche Bike, mach ich zwei verschiedene draus, weil ich auch immer schau, wer fährt dann damit. Das muss passen!“

Wir sind begeistert, von allem, von ihm, von den Cafe Racern, von allem, was dieser Kerl macht. Nach einer Stunde muss er los, wir würden noch bleiben wollen, stundenlang, aber so wie er uns begrüßt hat, verabschiedet er sich jetzt. Ruhig, weil er weiß, was er macht und dass es Begeisterung verschafft hat, dafür arbeitet er. Handschlag eins, Handschlag zwei. Guter Abschied.

DIE PHOTOS ZUM BERICHT

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